Tag der Deutschen Vielfalt! Zivilgesellschaftliches Engagement von Afrikanern in Deutschland Überlegungen zum Versuch, eine Brücke zu bauen: 1961-2013

Tag der Deutschen Vielfalt!

Zivilgesellschaftliches Engagement von Afrikanern in Deutschland Überlegungen zum Versuch, eine Brücke zu bauen: 1961-2013

(Stuttgart, 4. Oktober 2013)

Von Prinz Kum’a Ndumbe III., Universitätsprofessor, Emeritus

I.- Vom Schüler zum Lehrer: Engagement als Notwendigkeit

1.- Ich entdeckte als Schüler das Afrika der Deutschen

Als Schüler der 4. Klasse des Maria Theresia Gymnasiums in München im Jahre 1961 wurde ich von meinem Geographielehrer gebeten, meinen Klassenkameraden einen Vortrag über Afrika zu halten. Ich war ja wie eine Kuriosität, der einzige schwarze Schüler in einer Schulgemeinde von fast tausend weißen Menschen. Der Geographielehrer brachte mich zu anderen Klassen, um weitere Vorträge über Afrika zu halten, dies geschah dann Jahr für Jahr. Damals war Afrika in der Vorstellung meiner Mitschüler Urwald, Löwen, wilde Tiere, nackt tanzende und verhungernde Menschen, Unterentwicklung, hilfsbedürftige dickbäuchige Kinder, kriegslustige Barbaren, die sich ständig die Köpfe einschlugen.

Ich kam damals aus Douala, Kamerun, und kannte dieses Afrika der Deutschen nicht. Ich entdeckte es aber immer mehr in den Filmen, am Fernsehen, in den Gesprächen und öffentlichen Verlautbarungen. Ich war selber noch so jung, kannte nur Douala, Yaoundé, Ebolowa, Nkongsamba, Dschang, also nur kamerunische Dörfer und Städte. In anderen afrikanischen Ländern war ich nie gewesen. Wie sollte ich all die Fragen meiner Mitschüler beantworten? Und ich lernte überhaupt erst Deutsch! Mit meinem Taschengeld habe ich mir nur Bücher gekauft, Bücher zur Geographie und Geschichte Afrikas, Bücher zur Politik und Kultur, Bücher zu Afrika-Europa Beziehungen, zur Entwicklungshilfe. Auch am Schulhof habe ich gelesen, ich las in den Büchern, als wir am Gang auf den Lehrer gewartet haben, ich war nur am Lesen, denn ich wollte selbst wissen, woher ich komme, wer ich war, damit ich es vermitteln und eine gesunde Kameradschaft mit meinen Mitschülern entwickeln konnte. Ich kam doch nicht aus dem Urwald, wie sie dachten, und fuhr nicht mit Elefanten als Taxi, meine erste Kleidung zog ich doch nicht erst in München an. In der 6. Klasse wurde ein Aufsatz von mir über die Beziehungen Afrika-Europa 1964 sogar vom Europäischen Schultag preisgekrönt. Noch als Schüler wurde ich von der Konrad-Adenauer Stiftung zu Vorträgen eingeladen. Ich suchte den Dialog, um Veränderungsprozesse anzustoßen, im Denken, im Verhalten, im Handeln. In dieser deutschen Welt der Nachkriegszeit war es wirklich nicht leicht, als schwarzer Afrikaner nicht in die Haut des hilfs- und entwicklungsbedürftigen, kulturlosen und minderbegabten schwarzen Menschen schlüpfen zu wollen. Aufklärungsarbeit leisten, in der Schule, in meiner deutschen Familie, in öffentlichen Veranstaltungen, sogar am Bayrischen Rundfunk. Wenn ich heute zurückblicke, dann war es doch früh! Als ich 1967 mein Abitur machte, lag schon eine ganze Menge Dialogversuch mit den Deutschen hinter mir.

Dann ging ich nach Lyon zum Universitätsstudium im Oktober 1967. Aber die Sorge ließ mich nicht los: Wie kann ich meinen deutschen Freunden erklären, dass Sie bei Afrika falsch liegen, wie kann ich sie aufklären und ihnen mein Afrika als Afrikaner näher bringen? Ich lebte in Frankreich, aber mein Wille zum nachhaltigen Dialog galt den Deutschen. So schrieb ich in Lyon vier Theaterstücke in deutscher Sprache: 1968 Lumumba II., 1970 Ach Kamerun! Unsere alte deutsche Kolonie, 1970 Das Fest der Liebe, die Chance der Jugend, 1970 Kafra-Biatanga, Tragödie Afrikas. Kein deutscher Verleger wollte die Theaterstücke veröffentlichen, keine Bühne fand Interesse daran. Zu Afrika schreiben und veröffentlichen die Deutschen. In deutscher Sprache. Punkt. Erst 2005 gründete ich in Berlin eine Filiale meines 1985 in Kamerun gegründeten Verlags und veröffentlichte unter anderem auch mein Werk in deutscher Sprache. 37 bis 43 Jahre mussten die Leser warten, um meine dreizehn in Deutsch verfassten Bücher langsam wahrzunehmen. Die Bücher verkaufen sich seit acht Jahren, die Medien haben sie jedoch noch nicht wahrgenommen. Ich werde in Deutschland als Autor im Eigenverlag angesehen. Dass ich weltweit in vier Sprachen 150 Veröffentlichungen vorweise, entgeht den deutschen Buchexperten immer noch. Der Verlag AfricAvenir/Exchange & Dialogue hat jetzt einen Katalog mit 125 internationalen Autoren und Autorinnen. Davon immerhin 37 Titel mit einer deutschen ISBN Nummer der Deutschen Bibliothek Leipzig.

2. - Vielfalt in der Lehre als Zumutung oder Bereicherung?

Nach Lehrtätigkeiten an den Universitäten Lyon II in Frankreich und Yaoundé I in Kamerun lehrte ich mit Enthusiasmus und Engagement an der FU-Berlin von 1990 bis 2001. Ich betrachtete mich als einen Hochschullehrer, der in der deutschen Wissenschaft und Lehre zu einem anderen, weiteren Blick auf die Entwicklung der Welt und insbesondere auf die Beziehungen zwischen Deutschland und Afrika beitragen würde. Diversität und Vielfalt in der Ausbildung von Studenten und Entscheidungsträgern von morgen. Darin lag eine besondere Motivation für mich. Deutsche Studenten insofern herausfordern, dass sie zu Fragen Afrikas nicht nur deutsche, europäische und manchmal amerikanische Autoren lesen, sondern sich herauswagen, afrikanische Autoren zu Afrika in ihren Arbeiten einzubeziehen. Dies war damals ein Novum am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der FU-Berlin. Sie staunten, wie viel Neues sie bei diesen afrikanischen Autoren entdeckten, vor allem welch neue Sichtweise sie gewannen. Um meinen Studenten noch besser unter die Arme zu greifen, brachte ich afrikanische Filme an das Otto-Suhr- Institut und projizierte sie parallel zu den Vorlesungen. Dies half, die afrikanische Realität und den afrikanischen Alltag etwas näher zu bringen. Ein Dialogforum wurde aufgebaut, Afrikanische Botschafter und Politiker, sowie deutsche Abgeordnete und Minister, berühmte Intellektuelle Afrikas und bekannte deutsche und europäische Afrikaexperten wurden zur Freien Universität nach Berlin gebeten, direkt in meine Vorlesungen oder in eine Dialogreihe. Diese neue Herangehensweise, die ich “Global Approach” nannte, zog so viele Studenten an, dass die Seminarräume immer überfüllt waren. Die Arbeit sprengte die Mauern der Universität, diese Studenten fingen an, afrikanische Filme in der Stadt zu zeigen und szenische Lesungen mit Afrika als Inhalt zu veranstalten. Als dieses Experiment am Otto-Suhr-Institut unter dem Vorwand des Geldmangels abgewürgt und der einzige Lehrstuhl zu Politik Afrikas in Deutschland gestrichen wurde, antworteten meine deutschen Studenten mit der Gründung einer deutschen Sektion der von mir in Kamerun 1985 gegründeten Stiftung AfricAvenir International. Diese deutsche Sektion kann sich bis in diesem Jahr 2013 mit ihrem jahrelang bewährten, reichhaltigen Angebot in der deutschen Hauptstadt sehen lassen. Auch wenn damals von manchen die Einmischung eines habilitierten afrikanischen Professors in die deutsche Lehre als Zumutung empfunden wurde, hatte diese Vielfalt nachhaltige Spuren in den Herzen und in den Köpfen der deutschen Studenten hinterlassen. Sie entschieden sich, diese Vielfalt in dieser Nichtregierungsorganisation zu leben und deutsche Bürger daran teilhaben zu lassen.

II.- Grenzen staatlicher Strukturen und NGOs als Versuchsfeld von zivilgesellschaftlichem Engagement

1.- Was hat denn ein Afrikaner in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit in Afrika zu suchen?

Was hat denn ein Afrikaner in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit in Afrika zu suchen? Ich war auf eine solche Reaktion von manchen deutschen Projektleitern in Kigali überhaupt nicht gefasst, als ich nach dem Genozid vom BMZ als Krisenbewältigungsexperte nach Ruanda geschickt wurde. Die Ruandischen Beamten reagierten ihrerseits mit den Worten: “Sie gehören zu den Deutschen, aber wir wissen, Sie verstehen uns am besten”. Auch hier Vielfalt in der Reaktion, in der Wahrnehmung, von Anfang an. Als Professor für Politikwissenschaft in Berlin, als Afrikaner mit deutschem Verständnis in Ruanda, um Mechanismen der Krisenprävention in die deutsche EZ einzubauen, war ich überzeugt, Nachhaltiges und Zukunftsträchtiges sowohl für Afrika als auch für Deutschland mitzugestalten. Wie kann man es schaffen, dass mit den vielen Geldern der EZ nachhaltiger Friede in den afrikanischen Ländern gesichert werden konnte, dass Entwicklung in den armstrukturierten Ländern angespornt werden durfte, dass Deutschland eine neue Form der Beziehung mit dem aufbrechenden Afrika anzubahnen anfing? Ich wusste nicht, dass meine Anwesenheit als schwarzer habilitierter Professor, der deutschen Projektträgern in einem afrikanischen Land wie Ruanda für die Krisenprävention als Berater zur Seite stehen sollte, selbst eine nicht überwindbare Herausforderung darstellte. Dieses Experiment der Zusammenarbeit auf gleicher Augenhöhe in der Vielfalt scheiterte jämmerlich. Ich bin jedoch dankbar, dass das Buch “Krisenprävention – Ein möglicher Weg aus Krieg und Genozid – Alternativen für die Entwicklungszusammenarbeit. Fallbeispiel: Die Deutsche Gesellschaft für Entwicklungszusammenarbeit in Ruanda” Zeugnis meines Engagements in der deutschen EZ ablegt.

2.- Die Stiftung AfricAvenir International: ein Zeugnis von zivilgesellschaftlichem Engagement

Der Verlag AfricAvenir wurde 1985 in Douala/Yaoundé in Kamerun mit einigen Freunden gegründet, 1987 wurde das Gebäude in Douala fertiggestellt, und 1993 wurde die ganze Arbeit in eine Stiftung umgewandelt. Da ich ab 1993 mehr in Berlin als in Douala weilte, wurden wie schon erwähnt, neben Lehre und Forschung auch Dialogforen, Filmreihen und Studienreisen nach Afrika veranstaltet. Es war wichtig, meinen deutschen Studenten, Bekannten und Freunden mein Afrika als Afrikaner zu zeigen und ihnen den Zugang zu ungewöhnlich tiefen Einblicken zu erlauben.

Bis heute, d.h. nach 28 Jahren, bietet die Stiftung AfricAvenir International gerade jene zivilgesellschaftliche Bildung, die in staatlichen Einrichtungen nicht angeboten werden kann. Nach der Schule strömen Jugendliche in die Stiftung, um gerade jene Bücher zu lesen und Filme zu sehen, die sie sonst nirgends angeboten bekommen. Über vierzig deutsche Studenten haben in der Stiftung ein drei- oder sechsmonatiges Praktikum absolviert, und was sie dabei lernen, wenn sie auf einem kamerunischen Dorf vier Wochen lang ein Filmfestival mit Dialogrunden in einheimischen Sprachen mitgestalten, bringt sie in einen tiefen Veränderungsprozess für das ganze Leben. Eine deutsche Bankangestellte sagte mir später nach einer unserer Studienreisen nach Kamerun, dass sie über drei Wochen brauchte, um wieder in Stade Fuß fassen zu können und fügte hinzu: “Ich reise sehr viel, aber was ich da gesehen und erlebt habe, konnte ich mir nicht einmal im Traum vorstellen. Sie haben uns in so tiefe Welten gebracht, dass ich nicht einmal im Stande war, nach der Reise meine Mutter anzurufen. Was hätte ich ihr sagen und erzählen können?”

Nach Berlin kommen regelmäßig afrikanische Regisseure in Film und Theater, Bildhauer, Maler, Akademiker, Schriftsteller, Erzähler, zeigen ihre Werke, reden mit den Deutschen und knüpfen Beziehungen an. Diese Arbeit der Berliner Sektion von AfricAvenir International ist institutionell geworden, obwohl hauptsächlich von Freiwilligen getragen.

Auch in Österreich hat dieses zivilgesellschaftliche Engagement Früchte  getragen. Dank der Wiener Sektion von AfricAvenir International kommen Werke afrikanischer Autoren langsam in österreichische Schulen hinein. Schulinspektoren und Gymnasiallehrer wurden im März 2012 vom Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur  eingeladen, meine elfbändige deutschsprachige Anthologie zu entdecken und wenn möglich, in die Lehre einzubeziehen. Mein Theaterstück “Das Fest der Liebe” wurde sogar vom Realgymnasium Marchettigasse in Wien uraufgeführt, in einem Wiener Theater und auch in Bad Ischl gezeigt. Zivilgesellschaftliches Engagement hinterlässt Spuren.[2] Glaubt Europa, glaubt Deutschland als Oasen ohne Vielfalt in diesem internationalen Kontext überleben zu können? Ist es überhaupt nötig, sinnvoll, wünschenswert? Auch Konzepte von Nationalstaaten, Staatenbünden, Sicherheit, Entwicklung und Weltfrieden müssen überdacht werden. Die Hauptherausforderung gilt dem gemeinsamen Schicksal der Menschheit. Wie können wir weltweit überleben, ein menschenwürdiges Leben führen, nach Glück trachten und Liebe teilen, und dabei Natur und Schöpfung in Ehre halten, bis wir den Wanderweg auf diesem Planeten Erde verlassen und den Fluss ins Jenseits überqueren?

Dass in Deutschland über Vielfalt in den Beziehungen zu Afrika nachgedacht wird, dass über neue Wege der Beziehungen mit dem aufbrechenden Nachbarkontinent allmählich diskutiert wird, dies ist ein Zeichen der Zeit. Ich wurde belächelt, als ich 2005 ein Buch mit dem Titel “Afrika ist im Aufbruch, Afrika ist die Zukunft” in Berlin veröffentlichte. In der Ausgabe vom 13. Juni 2013 betitelt nun “Die Welt” einen Artikel über die Entwicklung der Weltbevölkerung und schreibt: “In Afrika entscheidet sich die Zukunft”. Meine Werke widerspiegeln mein zivilgesellschaftliches Engagement.

Aus meiner deutschen Anthologie lege ich den Mitbürgern in der deutschsprachigen Welt folgende Titel besonders ans Herz: “Ich klopfte an deiner Tür”, Zeitzeugnisse in Briefen, Gedichten und Erzählungen, dann “Wettkampf um die Globalisierung Afrikas”, gekoppelt mit “Afrika ist im Aufbruch, Afrika ist die Zukunft”, diese herausfordernden Reden zur Begegnung an die Mitbürger der Einen Welt im anbrechenden 21. Jahrhundert, und “Das Deutsche Kaiserreich in Kamerun”, ein Exkurs über verdrängte deutsche Kolonialpolitik. Die anderen Titel der Anthologie mit Theaterstücken sind deshalb nicht weniger empfehlenswert. Wer auch in der Sprachenvielfalt zu Hause ist, kann sich « L’Afrique s’annonce au rendez-vous, la tête haute ! – Discours sur la transmission du savoir » zu Gemüte führen, « 50 Ans déjà ! Quand cessera enfin votre indépendance-là ? » über die gescheiterten Unabhängigkeiten, oder « Nouvelles Interdites », Novellen aus dem tropischen afrikanischen Alltag. Dies ist mein Angebot an Sie zur geistigen Vielfalt.

Vielfalt in Deutschland darf nicht nur eine kleine Option für manche gutwillige Politiker bleiben, es geht um das Überleben in einem Land, das früher seine Identität als mitteleuropäisches Land verstand und heute und morgen zu Identitäten zwischen den Welten übergehen muss. Afrikaner in Deutschland sind eine Chance für dieses nach modernen Alternativen trachtende Land. Sie sind nicht nur eine Herausforderung, sie sind eine Einladung zur nachhaltigen Vielfalt in einer aufbrechenden Welt.


[2] United Nations, Department of Economic and Social Affairs, Population Division (2013). World Population Prospects: The 2012 Revision, Press Release (13 June 2013): "World Population to reach 9.6 billion by 2050 with most growth in developing regions, especially Africa", in: http://esa.un.org/wpp/Documentation/publications.htm 

Neue UN-Studie: Europa stirbt aus, Afrika entscheidet die Zukunft, von Claudia Ehrenstein, in : Die Welt, 13.06.2013, in: http://www.welt.de/politik/deutschland/article117105234/Europa-stirbt-aus-Afrika-entscheidet-die-Zukunft.html

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